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Rezension aus „LP“ Magazin 1/19 Autor: Ralf Henke

 
Wer einerseits Musik, andererseits das Besondere liebt, kennt die LP-Boxen von Rainer Haarmann, die auf vermutlich weltweit einmalige Weise die Disziplinen Kunst und Musik miteinander vermählen. Er gibt bildenden Künstlern damit die Gelegenheit, ihre Kunstwerke auf leeren LP-Covern zu erschaffen, diese wiederum werden kombiniert mit handgefertigten LPs, die exklusive, nirgends sonst erhältliche Jazzmusik beherbergen. Trotz der Kleinstauflagen, in denen die Boxen vertrieben werden, liegen die Preise weit unterhalb derer, die man in Galerien zu zahlen hat. In der Ausgabe 2/2018 haben wir die erste Encore-Box vorgestellt, auf der Rainer Haarmann sogleich von der Regel abwich und zunächst dem Fotokünstler Detlef Orlopp eine Bühne für seine berühmten Bilder bot, die von einem Konzert des Klaviergiganten Hank Jones begleitet wurde. Nachfolgende Boxen zierten die Werke von Melissa Gordon, Jakob Mattner und Vivian Kahra, deren 25 Originale für die Box 03 von so beeindruckender poetischer Vielfalt waren, dass dazu nun ein Künstlerbuch mit ganzseitigen Abbildungen aller Arbeiten erscheinen wird. Dieses wird der nächsten Encore-Box 06 beiliegen, verbunden mit einer handgefertigten LP, die ein Konzert der vielversprechenden Sängerin Maria Christina aus Österreich mit dem Gitarrenvirtuosen Federico Casagrande enthält.
 
Die aktuelle Encore-Box bietet nun die einmalige Gelegenheit, sich sowohl mit der Kunst des Malers und Grafikers Werner Schreib als auch mit der Musik des israelischen Gitarristen Tal Arditi auseinandersetzen zu können. Das Werk des 1925 geborenen Werner Schreib offenbart sich in vielen Facetten, mit denen er zu einem der bekanntesten zeitgenössischen Künstler wurde, bevor er 1969 bei einem unverschuldeten Autounfall starb. Neben der Radierkunst erschuf er reliefartige Monumente und Skulpturen, entwarf Rosenthal-Porzellan, war als Literat aktiv und brachte sogenannte Brand- und Explosivbilder hervor. Besondere Bekanntheit erlangte er mit seinen „Cachetagen“, worüber man sich mit dem der Box beiliegenden 53-seitigen Katalog einen Überblick verschaffen kann. Bereits auf der documenta II im Jahr 1959 war Schreib mit einer Zeichnung vertreten. Für die Encore-Box wurde die Farbradierung „Die Struktur der Sterne ist stumm“ aus der Folge „Suite Astronautique“ von 1967 ausgewählt, die zu den Walzenmonotypien überleitet, die hier im Mittelpunkt der Betrachtung stehen, denn jeder Box liegt eine der 43 originalen Handabzüge des Künstlers aus dem Jahr 1966 bei. 30 davon wurden von Werner Schreib persönlich signiert, 13 Werke tragen die Unterschrift seiner Witwe Ingeborg Schreib-Wywiorski. In der Box befindet sich außerdem eine kommentierte Übersicht über alle 43 Walzenmonotypien. Hierbei handelt es sich um Zeitungsinserate, die von Werner Schreib überdruckt und zurechtgeschnitten wurden. Wie visionär diese Form des künstlerischen Ausdrucks war, zeigt sich auch daran, dass der jüngst mit dem renommierten „Goslarer Kaiserring“ ausgezeichnete Fotokünstler Wolfgang Tillmans sich neuerdings mit Druckexperimenten befasst, für die Werner Schreib scheinbar eine Inspiration gewesen ist.
 
Neben der bildenden Kunst und seinem Schaffen als Literat war Werner Schreib auch als Gitarrist aktiv. Passenderweise hat Rainer Haarmann den erst 19 Jahre alten israelischen Newcomer Tal Arditi ausgewählt, die Encore-Box mit seinem Können an der Gitarre zu bereichern. Dieser schickt sich an, das Genre mit seiner ausgefeilten Technik neu zu beleben. Dies verwundert nicht weiter, denn mit nur 17 Jahren hat Tal Arditi das Finale des Wettbewerbs „Israeli Jazz Player“ erreicht. Seitdem hat er die Bühnen zahlreicher Jazz-Festivals in Israel und Europa bespielt und mit „Portrait“ sein erstes Album vorgelegt. Die CD-Version liegt der Encore-Box ebenfalls bei, natürlich mit Autogramm. Wie man Rainer Haarmann kennt, muss auf der transparenten und handgefertigten LP natürlich Musik enthalten sein, die man sonst nirgends bekommen kann. Von den fünf enthaltenen Stücken sind die Titel „Berlin Vibes“, „Waltz No. 1“ und „Long Live the Bird“ der CD entnommen, exklusiv auf Vinyl gibt es aber eine alternative Version des Stückes „One Step Behind“, außerdem die Solo-Nummer „Lazy“. Aufgenommen wurde am 25. und 26. Februar 2018 im von Sedal Sardan engagiert geleiteten Berliner Jazzclub „A-Trane“, dessen Name eine Hommage an John Coltrane, Spitzname „Trane“, sowie an Duke Ellingtons Komposition „Take the A-Train“ ist. Begleitet wird Tal Arditi vom dänischen Kontrabassisten Andreas Lang sowie vom Schlagzeuger Tobias Backhaus. Kein geringerer als Pat Metheny äußerte sich mit „He sounds great“ anerkennend über das Spiel des aufstrebenden Gitarristen, dem sich nach dem Genuss des Albums sicher alle anschließen werden. Die für die LP ausgewählten Stücke sind von ihrer Grundstimmung etwas ruhiger gehalten als jene, die auf der CD zu finden sind. Insbesondere auf „Circles“ zeigt Tal Arditi, welche Kraft und Dynamik in ihm stecken, wie er sie aber mit Gefühl und Technik in die richtigen Bahnen zu lenken weiß. Die LP beginnt mit „Berlin Vibes“, auf dem sich das Trio als gut abgestimmte Einheit präsentiert und den beiden Mitspielern die nötigen Freiräume lässt, um mit ihrem Können die Zuhörer zu beeindrucken. Auf dem nachfolgenden „Waltz No. 1“ steht die Gitarre deutlicher im Vordergrund und das technisch versierte Spiel transportiert die Musik zielgerichtet zu den für Begeisterung zuständigen Sinneszellen. Die B-Seite beginnt mit der alternativen Version von „One Step Behind“, die auf der LP etwas knackiger vorgetragen wird als auf der CD, folglich ist sie mit etwas über neun Minuten um zwei Minuten kürzer als der Take, der auf CD enthalten ist. Auch hier fällt die famose Schlagzeugarbeit von Tobias Backhaus auf. Mit „Lazy“ folgt ein gefühlvoll-beschwingtes Solo-Stück, dem sich zum Abschluss das sehnsuchtsvolle „Long Live the Bird“ anschließt, das mit einem kraftvollen Finale endet und den Zuhörer mit dem Gefühl zurücklässt, einem zukünftigen Star am Gitarrenhimmel gelauscht zu haben. Noch zu erwähnen ist, dass alle Stücke von Tal Arditi selbst komponiert wurden.
 
Die 43 erhältlichen Boxen können direkt von Rainer Haarmann (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!) oder von Connaisseur Mailorder (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!) bezogen werden und kosten in der Subskription bis zum 15. November 2018 480 Euro, danach 520 Euro.
 
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Eine Veröffentlichung, die in ihrer Einmaligkeit nur noch von ihrer Qualität übertroffen wird.

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